Stellungnahme Revision Schulgesetz
zum Vernehmlassungsbericht der Regierung betreffend
Revision des Schulgesetzes
Revision des Lehrerdienstgesetzes
Revision des Subventionsgesetzes
Sehr geehrter Herr Quaderer
Wir danken herzlichst für die Möglichkeit, zu oben genanntem Vernehmlassungsbericht eine Stellungnahme abgeben zu dürfen.
Der Vorstand des LOLV begrüsst es, dass nach dem SPES-Nein des Volkes von 2009 nun doch wieder Bewegung in die liechtensteinische Schullandschaft kommen könnte. Die Möglichkeit, neue Sekundarschulen gestalten zu können, gefällt uns sehr, zudem damit auch neue Beurteilungs- und Zeugnisformen zwangsläufig eingeführt werden müssten, wie im Bericht erwähnt mit Hilfe von Kompetenzrastern. Wir gehen davon aus, dass die Erarbeitung dieser Beurteilungsformen eng zusammen mit der Basis, d.h. mit den Lehrkräften, geschehen wird.
Einige Passagen im Bericht sorgten in unserem Vorstand aber auch für Stirnrunzeln:
Neue Sekundarschulen
Die mögliche Zusammenarbeit zwischen Ober- und Realschul-Teams, um eine neue Sekundarschule zu gründen, wird sehr idealistisch beschrieben.
Unserer Meinung nach dürften die Realschulen, nachdem sie durch die Gesetzesänderungen sehr gestärkt wurden, kaum Interesse an einer Zusammenlegung von Ober- und Realschule zeigen. Somit würde die Überzeugungsarbeit wiederum an uns Oberschul-Lehrkräften liegen. Eine freiwillige Zusammenarbeit sehen wir nicht als realistisch. Zurzeit findet nämlich an allen drei Schulzentren (SZU, WSV und WST) kaum eine Zusammenarbeit zwischen Ober- und Realschule statt. Die Zusammenarbeit klappt nicht einmal beim Realschulzug Mathe. Die Schüler/innen werden weder gemeinsam unterrichtet, noch schreiben die Realschüler/innen dieselbe Prüfung. Eine Vergleichbarkeit ist somit nicht gegeben. Andererseits wird durch den Zeitdruck, den diese Prüfungen verursachen, eine Zusammenarbeit zwischen A- und B-Zug an der Oberschule verhindert. Vielleicht ist eine Zusammenlegung der Schulen nur mit Druck von oben durchsetzbar. Auch in der Privatwirtschaft gibt es Entscheidungen, die von den Angestellten einfach mitgetragen werden müssen.
Aufnahmekriterien bei den neuen Sekundarschulen
In Artikel 36e Absatz 2 wird beschrieben, dass im Übrigen die Aufnahmevoraussetzungen durch Verordnung geregelt werden.
Diese Aufnahmekriterien müssen besonders sensibel betrachtet werden, da diese wiederum zu einem erneuten Selektionsdruck führen könnten.
Wir gehen davon aus, dass solche Verordnungen in enger Zusammenarbeit mit den betreffenden Lehrkräften verfasst werden.
Selektion nach der 5. Primarklasse
Aus dem Bericht ist ersichtlich, dass der Selektionsdruck für diejenigen Kinder vermindert wird, welche zwischen Realschule und Gymnasium eingestuft würden, indem die Durchlässigkeit zwischen Realschule und Gymnasium erleichtert wird.
Für Kinder, welche im Grenzbereich zwischen Ober- und Realschule eingestuft werden, ändert sich aber nichts, bei ihnen bleibt der Selektionsdruck bestehen. Viele Kinder, welche schliesslich in die Oberschule eingestuft werden, stehen während der 1. Klasse unter einem enormen Leistungsdruck in der Hoffnung, nach dem ersten Oberstufenjahr in die Realschule übertreten zu können. Dazu kommt seit diesem Schuljahr (2010/11) dazu, dass Schüler/innen, welche nach der 1. Klasse Oberschule in die Realschule übertreten wollen, das Wahlfach Französisch belegt haben müssen. Diese Voraussetzung schafft nochmals einen grösseren Druck auf die Kinder.
Die Stigmatisierung für die Oberschüler/innen wird immer bleiben, solange die Schultypen erhalten bleiben. Bei einer Stärkung der Realschüle gegenüber dem Gymnasium wird es automatisch eine Abgrenzung nach unten geben. Die Durchlässigkeit von der Oberschule in die Realschule wird vermindert, wenn die Realschule genügend leistungsstarke Schüler/innen hat und bekommen wird.
Schulsystem 2020
Im Bericht wird von der Gesamtstrategie „Schulsystem 2020“ gesprochen. Es fehlen aber ein weiterer zeitlicher Fahrplan oder Verbindlichkeiten. Uns erscheint die Vision 2020 ein bisschen zu wenig. Verbindliche Fixpunkte halten wir für wünschenswert.
Neue Schulleitung
Aufgrund des Artikels 92 soll der neue Schulleiter „eine vom Lehrerberuf unabhängige und eigenständige Führungsposition bekleiden“.
Unserer Meinung nach ist dies ein falscher Ansatz. Eine gute Schulleitung sollte niemals den Bezug zu den Wurzeln sprich zum Schulgeschäft verlieren. Eine Schulleitung, welche daneben noch einige wenige Lektionen unterrichtet, kennt die Freuden, Sorgen und Nöte des ihr unterstellten Lehrerkollegiums. Eine vom Lehrerberuf unabhängige Schulleitung erachten wir als Qualitätsverlust.
Zu begrüssen ist allerdings die Absicht, grössere Schulzentren unter die Leitung einer Führungsperson zu stellen!
Bewusste Stärkung der Mädchen in der Oberschule
Im ganzen Bericht fehlt uns allgemein eine Stärkung der Situation in der Oberschule, insbesondere aber die Stärkung der Mädchen in der Oberschule.
Oberschulabgängerinnen haben viel schlechtere Chancen bei der Lehrstellensuche als ihre männlichen Kollegen. Aus unserer Sicht hängt dies von folgenden Faktoren ab:
1) Die Oberschülerinnen wählen meistens typische Mädchenberufe (Coiffeuse, Detailhandelsangestellte, Floristin etc.)
2) Es gibt in diesen Berufen kaum Lehrstellen in Liechtenstein bzw. in der näheren Umgebung.
3) Die Anforderungen von Mädchenberufen, welche früher auch aus der Oberschule ergriffen werden konnten (z.B. Büroangestellte) sind in der heutigen Ausbildungslandschaft zu hoch angesetzt. Für die Basisausbildung Kauffrau gibt es auch kaum Lehrstellen.
4) Mädchen, welche sich auf das Wagnis einlassen würden, einen männerorientierten handwerklichen Beruf erlernen zu wollen, haben bei den liechtensteinischen Ausbildnern einen schweren Stand. Viele Ausbildner sind noch der Ansicht, dass sich Mädchen nicht für Männerberufe eignen.
5) Faktor geschlechtsspezifische Leistungsunterschiede in Mathematik und Naturwissenschaften (siehe auch http://www.llv.li/en/pdf-llv-sa-pisa_2003_synthesebericht.pdf Seite 21 - 23)
Es ist uns bewusst, dass sich dieses Problem nicht per Gesetz regeln lässt. Doch es erscheint uns wichtig, sich dieser Problematik bewusst zu sein. Auch deshalb lastet der Selektionsdruck der 5. Klasse auch ganz besonders auf Mädchen, welche in die Oberschule eingestuft werden sollen.
Abschluss
In Kapitel 1.3.1 wird die Problematik der Oberschulen und ihrer Schüler/innen wohl erkannt, doch konkret ändert sich durch die angestrebten Gesetzesänderungen nichts. Das schlechte Oberschul-Image wird als soziales Problem abgetan, welches nicht mit pädagogischen Massnahmen allein gelöst werden kann. Kapitel 1.3.2 Zwar Hinweis auf Ergebnis der PISA-Studie (Zusammenhang sozioökonomischer Hintergrund - Schulerfolg, das selbe Ergebnis im Standards Schlussbericht, aber es fehlen Massnahmen zur Verbesserung der Situation). http://www.llv.li/en/pdf-llv-sa-pisa_2003_synthesebericht.pdf S 16-23; http://www.llv.li/pdf-llv-sa_standards_schlussbericht_2010.pdf S 21-27
Wir erachten es als richtig, dass es nicht allein durch neue Gesetze gelöst werden kann, aber grössere Verbindlichkeiten in neuen Gesetzen wären schon mal ein guter Anfang.
Des Weiteren hängen, wie im selben Kapitel beschrieben, die Probleme der Oberschule untrennbar mit den anderen Schularten zusammen. Aufgrund dieser Erkenntnis fehlen uns konkrete Umsetzungen in diesem Vernehmlassungsbericht.
Mit freundlichen Grüssen
Liechtensteinischer OberschullehrerInnen-Verein
Michaela Tarnutzer, Präsidentin LOLV
Triesen, 08. November 2010
Originalschreiben hier zum Download